Die Hungerstraße

In steilen Kehren steigt die Paßstraße von Wüstewaltersdorf hinauf zum Eulenkamm, zu den „Sieben Kurfürsten“, hält sich dort eine Weile auf der Berghöhe und schenkt dem Wanderer den herrlichen Ausblick in die schlesische Ebene, hinüber nach dem Zobten, hinab nach Schweidnitz und Reichenbach. Dann birgt sich die Straße wieder im Tal, windet sich hinab nach Kaschbach, vorbei an der Wacholderschänke, wo zum ersten Male das Lied vom Blutgericht, das Sturmlied des schlesischen Weberaufstandes, erklungen ist, verläuft weiter durch das Peterswaldauer Tal und mündet in der schlesischen Weberstadt Reichenbach.

Summend und brummend sausen an mir die Automobile vorbei, die Motorräder knattern mit geöffneten Auspufftöpfen durch den Wald, und am Gasthause zu den sieben Kurfürsten steht ein Park von Kraftwagen aller Art. Dorther tönt der Jazz, und die abgehackten Synkopen der Melodie und das Gejammer der Saxophone wollen das Lied übertönen, das die Straße singt.

Dämmerung senkt sich nieder. Drüben vom Eulenturm streiften Nebelschwaden hinüber zur Hahnenkoppe. Ich habe mich an den Rand der Straße gelegt und starre hinunter auf die kargen Felder von Friedersdorf und Schmiedegrund. Da beginnt die Straße zu sprechen, da singt sie das Lied von der Not. Die Menschen wollen es nicht gern hören; aber es klingt doch aus allen Werken von Menschenhand.

1844 hatten die Weber im Eulengebirge die Rodehacken, Knüppel, Bleichpfähle und Schlichterührer ergriffen und waren hinab nach Peterswaldau und Langenbielau gezogen, um den Fabrikanten Mores zu lehren. Mit ihren schwachen, zittrigen Fäusten wollten sie das Elend mit einem Schlage wenden. Zwanzigers Villa stürmten sie, Dierigs Fabrik konnten sie demolieren. Sechsgroschenstücke schenkten ihnen die zitternden Leinenhändler, um ihre Wut zu besänftigen. Aber das Lied grollte:

„Ihr Schurken all, ihr Satansbrut,

ihr höllischen Dämone,

ihr freßt den Armen Hab' und Gut,

und Fluch sei euch zum Lohne!“

 

Die schwermütige Melodie des Weberliedes verklang, als die Salven der Soldaten aus Schweidnitz die Empörer wieder in die zerfallenen Hütten an den Hängen und auf den Kleinseiten der Euledörfer zurückjagten. Standrecht herrschte. Die Gerichte begannen zu arbeiten: zehn Jahre Kettenhaft, zwölf Jahre Zuchthaus; Silberberg füllte sich. Die Kasematten klangen wider von dem verzweifelten Stöhnen der Karrenhäftlinge. Das Lied wurde verboten. Das Schimpfen im Kretscham wurde verboten.

Nur leise im Kämmerlein konnten die Weber das Lied wie ein Gebet sprechen:

„Hier im Ort ist ein Gericht,

viel schlimmer als die Femen,

wo man nicht erst ein Urteil spricht,

das Leben uns zu nehmen.

Hier wird der Mensch grausam gequält,

hier ist die Folterkammer,

hier fallen Seufzer ungezählt

als Folgen von dem Jammer.“

 

Aber der Hunger blieb. Die Not hockte auf jedem Fensterbrett und nickte bei jedem Schlag des Weberbaumes befriedigt mit dem Kopfe. Hunger und Not ließen sich durch keinen Befehl eines Königs verbieten. Da begann man als Notstandsarbeit für die verhungernden Weber und Spinner die große Straße von Wüstewaltersdorf nach Reichenbach über die Sieben Kurfürsten zu bauen. Jahrelang klangen die Hacken und Spaten und Schaufeln, krachten die Sprengschüsse, knarrten die Karren, ächzten die Wagen, fluchten die Aufseher, stöhnten die Hungernden. Ein Gespensterheer war es, das die Straße schuf. Aus Wüstewaltersdorf, aus Zedlitzheide und Eckartsberg, aus Heinrichau und Friedersdorf, aus Michelsdorf und Heidelberg, von Kaschbach und Schmiedegrund, von Steinseifersdorf und Peterswaldau, drüben aus dem Euledörfel und aus Falkenberg, sogar aus Hausdorf und Neugericht kamen die, die der Webstuhl und das Spinnrad, das Spulen und das Noppen und das Mangeln und Bleichen und Schlichten und Färben nicht mehr ernähren konnte. Junge Weber, denen die Schwindsucht die Brust höhlte; alte Männer, den Buckel gekrümmt durch das ewige Sitzen und Treten am Webstuhl, alte Frauen, das Gesicht von tausend Sorgen durchfurcht, junge Mädchen, bleich und blutleer, mit großen, feuchten Augen: sie alle meldeten sich zur Arbeit, um wenigstens Schälkartoffeln und ein Negel Buttermilch für den knurrenden Magen zu haben. Da kam der alte Friedrich Kauer aus Kaschbach, droben, wo das Dorf zu Ende ging. Dem saßen sechs Enkelkinder zu Hause. Ein Sohn fiel im Weberkampfe in Langenbielau, der andere schob den Karren in Silberberg und hustete dabei seine schwindsüchtige Lunge aus. Die sechs Enkelkinder hatten nur drei Hemden. Sie lagen auf Waldstreu und deckten sich mit gestohlenem Heu zu. Nun schlang er das Kupsel um seine eingefallene Brust über den krummen Rücken und zog den wackligen Karren voll Erde und Steinen. Hinten schob am Karren die Christiane Fellgiebel. Der waren alle Kinder und der Mann an Hungertyphus gestorben. Aber sie war fromm geblieben; leise sang sie vor sich hin, wenn sie am Wegrande saßen und die trockenen Kartoffeln verzehrten: „Jesus, meine Zuversicht.“ Sie haben beide nicht die Einweihung der Straße erlebt. Man ließ ihnen Zeit, man hetzte sie nicht. Aber sie starben weg, wie viele hundert andere. Manche erwürgte der Blutsturz mitten in der Arbeit. Mancher ging nach Hause, drei Stunden weit nach zwölf Stunden Arbeit. Und wenn dann die Frau am Morgen bat: „Mann, stieh uff ! `S is schunt dreie! Du warscht no zu spät kumma!“, da lag er da mit geschlossenen Augen, friedlich und ruhig und hatte für alle Tage Feierabend gemacht. Der Webermeister Johannes Finster hackte den Stein sieben Monate lang. Als der Herbst die Blätter von den Bäumen riß, borgte er sich von seinem Kameraden das Kupsel - ein eigenes hatte er nicht -, ging in den Wald am Silberloch und erhängte sich. Erst drei Wochen später fand man ihn; so hatte er sich in den Wald verkrochen. An seiner Stelle schwang die Kreuzhacke dann seine älteste Tochter Emilie Finster. Und sie bekam das Scharwerken satt, lief mit einem jungen Burschen fort und ist dann im Allerheiligenhospital in Breslau gestorben in der Abteilung, wo die armen Dirnen langsam bei lebendigem Leibe dahinfaulen, gequält durch die Kunst der Ärzte. Am Jugendreh zerschmetterte ein Sprengschuß dem Martin Ueberschär beide Arme und nahm dem Gottlieb Meichsner das Augenlicht. Sie beide erhielten von der Gemeinde Neugericht einen Bettelschein. Und sie zogen zusammen durch ganz Preußen und sangen vor hunderttausend Türen ihr Lied:

„Ach, welche Pein, ein Mensch zu sein!

Oh, seht uns Armen voll Erbarmen gnädig an.

Schenkt eine Gabe, uns zur Labe,

gut Frau und Mannl“.

Der Berthold Seiffert aus dem Euledörfel kroch beim ersten Schneesturm über das Kaschbacher Plänel und erfror da in seinen dünnen Leinenhosen. Die Martha Grosser aus Schmiedegrund erstickte der Hitzschlag im Juli. Der Gottfried Weichel soll sich selbst unter die Räder eines schweren Steinwagens geworfen haben. Ist nicht jeder Straßenstein hier ein Grabstein? Dort geistert der Bernhard Ulber, den die Sandgrube am Judendreh verschüttete. Da die Marthel Beinlich, die sich eines Abends an den Waldrand setzte: „Blußig a brinkel ruhn..., `s werd schunt wieder giehn!“ Sie ist nicht mehr aufgewacht. Drei junge Burschen trugen das himperleichte Wesen den Kanonenweg lang nach Michelsdorf und legten es dem alten, gelähmten Vater vor die Tür. Sie mochten und konnten es ihm nicht sagen, daß das letzte Kind von ihm fortgegangen war. Sind das Nebelschwaden oder zieht über die Felder von Schmiedegrund das Gespensterheer der Hungenstraße?.. Wenn Lohntag war, da kamen die Bettler von nah und fern: die Weber, die kein Kupsel mehr auf der Schulter erleiden mochten; die Frauen, die mit den zittrigen Händen keinen Schaufelstiel mehr halten konnten; Kinder, die noch keinen Steinbrocken wegtragen durften. Die Bettelvögte jagten sie weg; aber sie kamen wieder, und die Bettelvögte gingen nach Hause und fluchten über das Ehrenamt, das ihnen die Regierung verliehen hatte. „Armut gibt den Armen gern!“ Der Weber, der mit seinem Taler und sieben Silbergroschen Wochenlohn nach Hause gehen wollte, drehte einen Silbergroschen so lange in der Hand, bis er ihm glühend heiß wurde, und gab ihn dem Helfsgott Fritzel: „Verlier ne das Gröschel. Richt Vatern an schiena Gruß aus... und 'ne Metze Kartoffeln kann er sich au mal hol `n  lussa!“ Sie sterben aus, die das Lied von der Hungerstraße noch kennen. Jetzt rasen die Automobile, donnern die Motorräder, jubelt der Jazz: „Rosa Bianca...“ Bald singen nur noch die Steine das Lied... und viele werden es hören:

„Nun sehe man sich diese Not

und Elend dieser Armen:

Zu Hause nicht ein Stücklein Brot !

Ist das nicht zum Erbarmen?“

Rudolf Daumann

             Bemerkung: Dieser Bericht hat mal in den zwanziger oder dreißiger Jahren in einer Zeitung gestanden und wurde von Bernhard Grolms übernommen

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